Buchempfehlung Juni 2026

Artikel

Veröffentlicht
15. Juni 2026
Lesezeit
4 Min.
Autor
Cornelius Schmale
BuchempfehlungHöhlentauchenTechnisches TauchenRettungstauchenTham LuangRick Stanton
Buchcover: Aquanaut von Rick Stanton

Buchempfehlung

Aquanaut

A Life Beneath the Surface – The Inside Story of the Thai Cave Rescue

von Rick Stanton

Manche Namen kennt man im Höhlentauchen, ohne sie je persönlich getroffen zu haben. Rick Stanton ist einer davon. Spätestens seit der Rettung der eingeschlossenen Fußballmannschaft aus der Tham-Luang-Höhle in Thailand im Jahr 2018 ist er einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden – doch seine Geschichte beginnt lange vorher. In Aquanaut erzählt Stanton sein Leben unter Wasser selbst, und das Ergebnis ist eines der ehrlichsten und mitreißendsten Tauchbücher, die ich gelesen habe.

Wichtig vorweg: Anders als es der Titel und vor allem der Untertitel vermuten lassen, ist Aquanaut keine reine Chronik der Tham-Luang-Rettung. Es ist im Kern eine Autobiografie – Stanton verschränkt die Kapitel zur Rettung mit Rückblicken auf seine jahrzehntelange Laufbahn als Höhlentaucher, sodass die Höhle in Thailand eher den roten Faden bildet, an dem er sein gesamtes Taucherleben aufzieht. Wer das Buch allein wegen des Rettungseinsatzes zur Hand nimmt, sollte das wissen; wer sich darauf einlässt, bekommt jedoch weit mehr als die Geschichte einer einzigen Aktion.

Worum geht es?

Im Zentrum steht Rick Stanton selbst – von Beruf jahrzehntelang Feuerwehrmann, aus Leidenschaft einer der weltweit führenden Höhlentaucher. Das Buch spannt den Bogen über sein gesamtes Taucherleben: von den ersten Vorstößen in englische Sümpfe und Höhlen, über zahlreiche Erstbefahrungen und Rekordtauchgänge in den tiefsten und längsten Höhlensystemen Europas, bis hin zu den Rettungs- und Bergungseinsätzen, die ihn international bekannt gemacht haben.

Den dramatischen Höhepunkt bildet die Rettung in Tham Luang. Stanton schildert aus erster Hand, wie ein zunächst aussichtslos erscheinender Einsatz – zwölf Jungen und ihr Trainer, eingeschlossen kilometerweit hinter überfluteten Engstellen – zu einer der spektakulärsten Rettungsaktionen der Tauchgeschichte wurde. Dass die Kinder dafür sediert und reglos durch enge, schlammige Passagen getaucht werden mussten, war ein Plan, den vor Stanton und seinen Mitstreitern niemand ernsthaft für durchführbar gehalten hätte.

Was macht das Buch besonders?

Stanton schreibt unprätentiös und schonungslos ehrlich – auch über sich selbst. Er romantisiert das Höhlentauchen nicht, sondern beschreibt es als das, was es ist: technisch anspruchsvoll, psychisch fordernd und unversöhnlich gegenüber Fehlern. Gerade weil er auf große Gesten verzichtet, wird die enorme mentale Disziplin spürbar, die hinter seinen Tauchgängen steht.

Besonders eindrücklich sind die Passagen über das Arbeiten in Zero-Visibility, über das Tasten durch enge Restrictions und über die Kunst, in Extremsituationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Wer schon einmal in einer Höhle getaucht ist, wird vieles wiedererkennen; wer es nicht hat, bekommt ein realistisches Bild davon, warum diese Disziplin eine eigene Ausbildung und Denkweise verlangt.

Als Tauchlehrer, der selbst im technischen Tauchen und im Höhlentauchen unterwegs ist, schätze ich besonders, dass Stanton die Bedeutung von Ausrüstungsphilosophie, Eigenverantwortung und Erfahrung immer wieder betont – ohne dabei belehrend zu wirken. Vieles davon entstand aus eigener Erfahrung und teils auch aus eigenem improvisiertem Gerätebau.

Für wen ist das Buch geeignet?

Dieses Buch richtet sich an verschiedene Lesergruppen:

Für erfahrene Sporttaucher, die mit dem Gedanken spielen, ins technische Tauchen oder ins Höhlentauchen einzusteigen, ist es eine eindrückliche Vorbereitung auf die mentale Seite dieser Disziplinen. Es zeigt mit großer Klarheit, dass es beim Höhlentauchen nicht um Mut, sondern um Vorbereitung, Übung und das konsequente Beherrschen der eigenen Reaktionen geht.

Für technische Taucher und Höhlentaucher bietet das Buch wertvolle Einblicke in jahrzehntelange Erfahrung – von Tauchplanung über Notfallmanagement bis hin zur Frage, wie man unter Wasser Entscheidungen trifft, wenn es keine Hilfe von außen gibt.

Und für alle, die sich für Abenteuer und Exploration interessieren, ist es schlicht ein fesselnder Erlebnisbericht, der zeigt, wie weit menschliche Neugier in die dunkelsten und unzugänglichsten Orte der Erde vordringt.

Mein Fazit

Aquanaut ist ein außergewöhnliches Buch, das fachliche Tiefe mit ehrlicher Selbstreflexion verbindet. Es macht greifbar, was Höhlentauchen wirklich bedeutet – nicht als Heldengeschichte, sondern als Lebensweg, der von Geduld, Disziplin und unermüdlicher Neugier geprägt ist. Wer Höhlentauchen betreibt oder sich dafür interessiert, sollte dieses Buch gelesen haben. Und wer nach der Lektüre Lust bekommt, den Einstieg ins technische Tauchen oder Höhlentauchen unter professioneller Anleitung zu wagen: Meine Kurse stehen euch offen.

Das Buch ist derzeit nur in englischer Sprache verfügbar, aber auch für Nicht-Muttersprachler gut zu verstehen.

Und wer den Rettungseinsatz selbst im Detail nachlesen möchte, dem sei das Buch von Stantons Tauchpartner John Volanthen empfohlen: „Thirteen Lessons that Saved Thirteen Lives – The Inside Story of the Thai Cave Rescue". Es stellt die Rettung in den Mittelpunkt und ergänzt Stantons Sicht aus einer zweiten Perspektive desselben Teams.


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